Mittelständische Unternehmen in Deutschland und Polen wollen keine Sprache lernen, sondern Geschäfte machen!

Christian Lippmann von der structura Gores-Pieper, Voß Gb, Berlin, wird auf der Sprachen & Beruf die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem E-Learning Projekt „Berlin-Polnischer Diwan“ präsentieren. Die Arbeitshypothese des vom Berliner Senat geförderten und inzwischen abgeschlossenen Projektes basierte auf der Annahme, dass im Fokus von KMU diesseits und jenseits der Grenze nicht das Lernen, sondern das Geschäft steht. Im Projekt wurden Unternehmen dabei unterstützt, Geschäftskontakte mit polnischen Partnern zu entwickeln. Darauf aufbauend sollten auch Fremdsprachenkenntnisse vermittelt werden.

Die kulturellen Hürden zwischen Deutschland und Polen sind trotz der räumlichen Nähe Berlins besonders hoch. Da ist zum einen die Sprachbarriere – die polnische Sprache gilt als schwierig zu lernen. Zum anderen aber sind da vor allem historisch tief verwurzelten Vorurteile.

90% der Geschäftskontakte, so Kenner der Materie, scheitern bereits am Anfang durch Fehltritte in die mentalen Fettnäpfchen. Diese interkulturelle Hürde muss also als erstes genommen werden, bevor sich die Motivation für weiteres Sprachlernen freisetzen lässt.
Wir von structura schauen seit 15 Jahren als Organisationsentwickler und mit fünf Jahren Erfahrung im Bereich E-Learning auf die Anforderungen, die vor allem kleine Unternehmen an das betriebliche Lernen stellen.

Unsere Erfahrung zeigt, dass in kleinen Unternehmen nicht das Lernen sondern die Lösung konkreter Geschäftsprobleme im Arbeitsprozess im Vordergrund steht. Dabei blicken die Akteure im Betrieb von verschiedenen Standpunkten auf die Qualifizierung mittels Online-Medien: Geschäftsführer in KMU erwarten nicht „Lernen“, sondern das Lösen von Problemen. Es geht um Effizienzsteigerung an den kritischen Punkten der Wertschöpfung. Führungskräfte versprechen sich individuell zugeschnittene Angebote und zeitnahe Problemlösung direkt am Arbeitsplatz.

Mitarbeiter in KMU haben darüber hinaus ein subjektiv sehr enges Zeitfenster für das „Lernen“. Sie wünschen einfache, robuste Technologien sowie wenige relevante features in einer übersichtlichen und intuitiv verständlich gestalteten Lernumgebung - ohne kompliziertes Login.

KMU wünschen eine Kombination aus Lernmodul und persönlicher Beratung. Inhalt, Didaktik und Technik müssen sich konsequent am Nutzer sowie den technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen ausrichten. Die mögliche Reaktionszeit auf einen erkannten Qualifizierungsbedarf ist enorm kurz, da KMUs tagesaktuell flexibel disponieren müssen. Contententwickler, Plattformbetreiber und Lernberater müssen eng zusammenarbeiten um zeitnah liefern zu können. Dozenten müssen Inhalte in der Sprache der KMU entwickeln und sich auf das wirklich Notwendige beschränken.

Hinsichtlich notwendiger Technik ist gerade in den vielen kleinen Unternehmen ein DSL Zugang und neueste Betriebssoftware nicht immer vorauszusetzen. Gewöhnlich sind Mitarbeiter im Umgang mit Applikationen überfordert und es gibt nicht wenige, die „Cookies“ für das Produkt einer Konditorei halten.

Der erfolgskritische Faktor für E-Learning ist aus meiner Sicht jedoch die Selbstlernkompetenz. Hier sind viele, vor allem nicht akademische Mitarbeiter schlichtweg überfordert. Dabei sind Führungskräfte nicht immer unterstützendes Vorbild, was die Lernbereitschaft angeht. Sie geben gerne und oft Doppelbotschaften: Qualifizierung, solange der Betrieb nicht gestört wird. Vor allem Sprachlernen braucht jedoch den persönlichen Kontakt, das Üben mit einem Coach oder bestenfalls in einer motivierenden Gruppe.

Die didaktischen Arrangements müssen die besonderen Probleme im Geschäftsprozess berücksichtigen. Inhalte und Technik sollten sich schnell erschließen und sich flexibel anpassen lassen. Für das Auffinden einer problemlösenden Information stehen im hektischen Alltag maximal 10 Minuten zur Verfügung. Wird in diesem Zeitfenster keine Lösung gefunden, wendet sich der Mitarbeiter vom Medium ab.

Diese Orientierung an eine jeweils konkrete Problemstellung eines Unternehmens nennen wir „Just-in-Time“ Ansatz. Bedarfsorientiert hieß für uns zunächst den Bedarf zu diagnostizieren und erst darauf aufbauend angemessene Lerninhalte und eine brauchbare Didaktik in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Unternehmen zu entwickeln. Entsprechend dieser Philosophie haben wir 6 Unternehmen, d.h. 3 deutsch-polnischen Geschäftspartnerschaften bei ihren Schritten begleitet und im Hinblick auf die jeweils zentrale Ausgangsfrage ein Lernmodul entwickelt. Dabei wurden den Partnern zunächst auf einer Plattform Informationen zur Verfügung gestellt bzw. ein Rahmen geboten, in dem sie konkrete Fragen durch Experten beantworten lassen konnten. Auf diese Weise entstand modularisierter und zweisprachiger Lerncontent mit folgenden Titeln:
  • Das erste Treffen mit meinem polnischen (deutschen) Partner in Warschau (Berlin)
  • Ich möchte in Polen (Deutschland) geschäftlich kooperieren – die wichtigsten Hürden
  • Ich möchte mit einem polnischen (deutschen) Partner eine EU-Projekt durchführen - die ersten Schritte.

Darüber hinaus gab es für die deutschen Partner ein kleines, integriertes Sprachlernprogramm der Firma Cornelsen für die ersten Schritte in Polnisch.
Ob das Projekt ein Erfolg oder ein Flop war, was ich daraus gelernt habe und was in den Modulen steckt erfahren, Sie am Dienstag, dem 17. April um 16:00 Uhr in der Session „Blended Learning“. Ich freue mich auf Sie!

Christian Lippmann, structura Gores-Pieper, Voß GbR, www.structura.de

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