Dr. Stephen Holmes: Das meiste Wissen ist beim Klienten bereits vorhanden

Dr. Stephen Holmes ist ein viel gefragter Dozent für interkulturelles Management und Diversity Management an verschiedenen Universitäten und Business Schools in Deutschland, den USA und Frankreich. Daneben betreibt der Amerikaner in Heidelberg – der Stadt, in die er als junger Mann vor 37 Jahren zum Studium kam – ein Beratungs- und Coaching-Unternehmen: Holmes Intercultural Training. Eine der Prämissen seiner Arbeit lautet: „Keine Scheu vor zuviel Theorie.“

Der Kulturanthropologe wird die SPRACHEN & BERUF 2009 am 16. Juni mit einer Keynote eröffnen. SPRACHEN & BERUF sprach mit ihm im Vorfeld über seine praktischen Erfahrungen und seinen speziellen Trainingsansatz.


SPRACHEN & BERUF: Herr Dr. Holmes, wie steigen Sie mit Ihren Klienten in ein interkulturelles Training ein?

Dr. Stephen Holmes: Am Anfang steht für mich immer eine intensive Vorbereitung, ich stelle sehr viele Fragen, um die Situation des Klienten oder auch der Gruppe, mit der ich es zu tun habe, genau abzuklopfen. Das eigentliche Training entwickelt sich dann aus dem Dialog: Am Anfang nutze ich zum Beispiel Kulturlandkarten, Maps, wie ich es nenne. Hierzu gehören etwa der Kulturshock-Graph, das Dritte-Kultur-Model oder verschiedene Kommunikationsstile. Diese bilden die Realität nicht ab, sie sind aber, wie Gregory Bateson einmal geschrieben hat, Wegweiser. Anhand dieser Maps steigen wir ins Gespräch ein. Da mein Spezialgebiet die Vorbereitung für den amerikanischen Markt ist, will ich genau wissen, wie viel meine Klienten über das amerikanische Business System bereits wissen. Wir ordnen diese Ergebnisse dann auf einer Skala ein, worauf wir ganz automatisch in eine Coaching-Situation übergehen. Hier insistiere ich dann immer wieder, denn ich bin der Meinung, dass das meiste Wissen beim Klienten schon vorhanden ist. Von meiner Seite bringe ich ausgewähltes relevantes Wissen über die amerikanische Kultur ein. Ich halte dieses Wissen als wichtigen Input bereit, zwinge es meinem Klienten aber nicht auf. Die Entscheidung, in den Coaching-Prozess eine Lehr- und Bildungsphase einzubringen, treffen wir gemeinsam. So etwas entsteht aus dem Erkundungsprozess und darf nicht lange dauern. Ich muss auch die deutsche Kultur soweit verstehen, dass ich einen Perspektivwechsel vollziehen kann. Dann kann man beispielsweise mit Rollenspielen ansetzen. Aber das ist situationsabhängig. Meine Idee vom Coaching ist, dass man – wie ein Handwerker – einen guten Werkzeugkasten haben muss.

SPRACHEN & BERUF: Arbeiten Sie dabei viel mit Stereotypen?

Dr. Stephen Holmes: Teil meines Coachings ist immer auch, dass ich meinen Klienten Strukturen an die Hand gebe, allgemeingültige Regeln, alltägliche Begebenheiten. Meine Klienten können dann entscheiden, welche davon für sie Bestand haben. Mit solch allgemeinen Annahmen verhält es sich ja so: Wir wissen, dass sie nie 100prozentig die Realität abbilden, sondern vielmehr recht oberflächliche Abstraktionen sind, die schnell etwas Ermüdendes haben können. „Die Deutschen sind so, die Amerikaner sind so“: So wird das häufig in Workshops vermittelt, man erzählt ein paar nette Geschichten und denkt, das sei in Ordnung. Ich bin kein wirklicher Befürworter dieser Vorgehensweise, habe aber auch nicht absolut etwas dagegen. Einige Dinge sind sicherlich zutreffend, basieren auf statistischen Erhebungen. Wichtig für mich ist aber, dass ich weiß: Was bedeutet ein bestimmtes Klischee für meinen Klienten, zum Beispiel jenes, dass Amerikaner „Learning by Doing-Typen“ sind? Dies finden Sie in jedem Buch über amerikanische Business-Kultur. Hier setze ich an: Glaubt mein Gegenüber selbst, er sei typisch deutsch, also ein „Perfektionist“, oder ist er mehr der „Learning by doing Typ“? In diesem Stadium kann man dann daran gehen, diese Klischees zu dekonstruieren.

SPRACHEN & BERUF: Das klingt nach sehr viel Theorie.

Dr. Stephen Holmes: Dem Vorwurf, zu theorielastig zu sein, stelle ich mich gern. Denn ich habe festgestellt: Die Manager, die ich betreue, verstehen meine Vorgehensweise sofort. Wenn man so will, folgt mein Ansatz ein wenig Wittgenstein, aber auch den Dekonstruktivisten: Man steigt eine Leiter mit lauter Regeln hinauf und oben angekommen, schmeißt man die Leiter weg. Die allgemeinen Annahmen, wie etwas zu sein hat, werden immer mehr zur Abstraktion, bis sie schließlich im Hintergrund verschwinden. Das ist die Methode, die ich nutze. Eigentlich tue ich aber viele Dinge auf einmal: Ich versuche, in die Trainingssituation systemische als auch konstruktivistische Aspekte einzubringen. Ich frage intensiv nach und setze Rollenspiele ein. So will ich mit meinen Klienten so nahe an die Wirklichkeit herankommen wie möglich.

SPRACHEN & BERUF: Wie steht es mit ganz konkreten Kompetenzen?

Dr. Stephen Holmes: Hier ist wichtig zu wissen, was der Klient genau braucht: Braucht er Verhandlungskenntnisse? Oder ist er eher im Bereich Sales beschäftigt? In welchem Bereich arbeitet er? Dann kann ich beispielsweise mit einem Rollenspiel ansetzen. Wir entwickeln dabei gemeinsam eine Strategie, um für unvorhersehbare Situationen gerüstet zu sein. Dabei setzen wir an seinem Vorwissen an, denn der Klient weiß schließlich am besten über sein eigenes Business Bescheid. Ich wiederum kann ihm Wissen über Amerika vermitteln. So handeln wir eine gemeinsame Balance aus und konstruieren eine mögliche Strategie. Ich betone „mögliche“, denn Situationen im Geschäftsleben sind ja häufig sehr komplex und gestalten sich immer wieder anders

SPRACHEN & BERUF: Ein Geheimrezept gibt es also nicht?

Dr. Stephen Holmes: Nein, und ich wünsche mir auch, dass meine Klienten genau diese Gewohnheit ablegen, für alles ein Geheimrezept finden zu müssen. Ich glaube auch nicht, dass es ein solches gibt, gerade im Management-Bereich. Wir wissen nicht, was die Essenz ist, wenn wir miteinander kommunizieren, denn die Bedeutung ergibt sich aus der jeweils individuellen Interpretation. Und: Interkulturelles Selbstbewusstsein entsteht vor allem daraus, das wir begreifen, dass jede Situation unterschiedlich ist. Wir können nie wirklich vorhersehen, was genau passieren wird. Wir sollten vielmehr versuchen, der Wirklichkeit näher zu kommen, indem wir die Fähigkeit aufbauen, unsere eigenen Vorannahmen kritisch zu hinterfragen.

Dr. Holmes, vielen Dank für Ihre Zeit!

31. März 2009