Qualität und Übersetzungsmanagement:
Die Rolle von Übersetzungen in deutschen Unternehmen

Multinationale Unternehmen sowie mittelständische Firmen sind auf qualitativ hochwertige Übersetzungen angewiesen. Die deutsche Industrie ist eine exportorientierte Industrie, so entsteht ein Bedarf an Übersetzungen, deren Volumen jährlich steigt. Um den internationalen Markt zu erobern und die eigenen Produkte global zu verkaufen bedarf es qualitativ hochwertiger Übersetzungen in den verschiedensten Sprachen. Die Bandbreite von Übersetzungen geht über Handbücher, Broschüren, Spezifikationen und vieles mehr, wobei stets hohe Qualität gewährleistet sein muss. Sollte nämlich ein Kopierer, der nach Spanien geliefert wurde, Probleme aufweisen, muss auch der Techniker vor Ort die Anweisungen in seiner Muttersprache lesen können.

Wie genau mit der Nachfrage an Übersetzungsdienstleistungen umgegangen wird und wie Effektivität und Qualität gewährleistet werden können, erläutert Jutta Witzel, Chefredakteurin des MDÜ der Fachzeitschrift für Dolmetscher und Übersetzer am 17. Juni auf der SPRACHEN & BERUF.


Gerade bei technischen Übersetzungen arbeiten Unternehmen zu einem großen Anteil mit externen Dienstleistern zusammen. Dies zeigt eine Studie von Insa Sibylle Laspe, die im Jahre 2008 im Rahmen Ihrer Abschlussarbeit an der Universität des Saarlandes unterstützt von Plunet Academy (Plunet GmbH) die 104 größten börsennotierten Unternehmen zu ihrer Organisation der Übersetzungsarbeit befragte. Die befragten Firmen stammen aus den unterschiedlichsten Branchen wie Versicherungen, Banken sowie der Automobil- und Software-Industrie. Wie auch Jutta Witzel aus ihrer langjährigen Erfahrung als Übersetzerin und Sprachtrainerin berichtet fallen in allen großen und in vielen mittelständischen Unternehmen regelmäßig Übersetzungen an. Lediglich eine verschwindend geringe Zahl verzichtet auf Übersetzungsdienste, wenn etwa die Mitarbeiter zweisprachig sind. Nur noch bei wenigen großen Unternehmen werden Übersetzungen im Hause erstellt, meist gehen sie an externe Dienstleister. „Automobilfirmen beispielsweise haben meistens große, eigene Übersetzungsabteilungen, die nur noch einen geringen Teil der Texte selbst übersetzen. Der Sprachendienst hat heute neue Aufgaben: Er überwacht die umfangreichen Übersetzungsprojekte und übernimmt die Qualitätssicherung.“ Die Übersetzungen würden in der Regel an Dienstleister vergeben, die sich fachlich auf die Branche spezialisiert haben und nach dem sogenannten named user concept arbeiten. Das heißt: Die Übersetzer der Texte seien namentlich bekannt und würden immer wieder für diese Texte eingesetzt. Überraschend ist laut Witzel, dass knapp über die Hälfte der befragten Firmen ihre Übersetzungen komplett outsourcen.

Fragt man nach Sprachen, für die der größte Übersetzungsbedarf besteht, meint die Expertin: Englisch steht nach wie vor an erster Stelle, die anderen Sprachen folgen mit großem Abstand. Letztendlich gehe es jedoch in diesem Punkt nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dort, wo der Umsatz mit den Produkten am Markt groß ist, dort sind auch Übersetzungen notwendig. Beim multinationalen Software-Konzern SAP sind es beispielsweise momentan 37 Sprachen. Kürzlich sind Vietnamesisch und die drei baltischen Sprachen dazu gekommen“, so die MDÜ-Redakteurin.
Um hohe Textmengen in mehreren Sprachen innerhalb kurzer Zeit zu erstellen und einen qualitativ hohen Standard zu gewährleisten ist das Managen von Übersetzungen notwendig. Dies geschieht heutzutage über Software-Programme. Diese Programme seien mächtig und komplex und sollen das Leben des Übersetzers erleichtern, so Witzel. „Wenn eine Kopiermaschine einen Defekt hat, muss der Installateur kommen. Auch er kennt nicht alle Fehler und benötigt ein Handbuch, in dem er nachschlagen kann. Das sind unter Umständen 1 000 Seiten, weil das Gerät so komplexe Funktionen hat. Kaum ist das Gerät auf dem Markt, ist bereits das Nachfolgemodell in Planung und es würden wieder 1 000 Seiten an Übersetzung anfallen. Die Maschine ist zumeist jedoch nicht komplett neu erdacht, es fallen lediglich Verbesserungen und Zusatzfunktionen an. Ein großer Teil des Handbuches ist oftmals identisch mit dem Vormodell.“ Große Unternehmen stehen gerade bei umfangreichen und komplexen Dokumenten vor einer großen Herausforderung. Mehrsprachigkeit, Volumenumfang und Kosten sind die Probleme, die zu bewältigen sind. „Und da greift die Software ein. Sie ist ein Gedächtnis, das sich daran erinnert, was schon übersetzt wurde. Nur die Teile, die sich geändert haben werden angezeigt. Der Übersetzer muss demnach die Vorarbeit der Software prüfen und die leicht geänderten sowie die neuen Textteile bearbeiten. So kann viel Zeit gespart und effektiv gearbeitet werden“, berichtet die Expertin aus der Praxis. Allerdings eignet sich die Software hauptsächlich für technische Texte. Juristische oder Werbetexte müssen beispielsweise gleich von Anfang an vom Menschen in die andere Sprachwelt übertragen werden

Die beschriebenen Software-Tools verwalten nicht nur die Textbausteine, sondern auch die Fachwörter, damit beispielsweise ein Bauteil immer identisch benannt wird. So helfen die Software-Tools entscheidend bei der Qualitätskontrolle und sichern einen bestimmten Standard bei technischen Übersetzungen, so Witzel. Die Entwicklung wird sogar noch weiter getrieben. Das ideale Modell ist heute, dass bereits technische Redakteure beim Verfassen der Handbücher mit sogenannten Autorensystemen arbeiten. Diese greifen auf umfangreiche Wörterbücher zurück, die Fachbegriffe und Bezeichnungen genau vorgeben. Bestimmte Regeln werden sogar bis auf die Satzebene gebrochen. Das erleichtert wiederum den Übersetzern später die Arbeit, da die Texte einheitlich und stringent formuliert sind. Die Zusammenführung beider Systeme, die der Autoren- und Übersetzungs-Tools, ist die neueste Entwicklung, die durch ihr „Hand-in-Hand“-Gehen die Übersetzung von komplexen, und aufwendigen Texten nicht nur leichter macht. Mit einem immer größer werdenden Übersetzungsvolumen werden mit Hilfe der Software die Qualität gesteigert und gleichzeitig Kosten gespart. Weitaus entscheidender als die Arbeit mit der richtigen Software ist jedoch, mit Fachübersetzern zusammenzuarbeiten. Denn nur wenn der Übersetzer selbst erfahrener Sprachexperte und Fachmann auf dem Gebiet des Textes ist, versteht er den Ausgangstext und gibt ihn richtig in der anderen Sprache wieder.

13. Mai 2009

Den Grundstein für das erste Translation-Memory-System legte die Firma Trados (heute: SDL Trados). Gängige Software, mit der Übersetzer arbeiten, werden als Computer Aided Tools (CAT) oder Translation-Memory-Systeme (TMS) bezeichnet. Der Bundesverband für Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), der die Zeitschrift MDÜ herausgibt, bietet regelmäßig Weiterbildungen und Seminare zu diesen Tools an: www.bdue.de