Länder wie China, Indien oder Russland gelten als die vielversprechendsten zukünftigen Absatzmärkte der Automobilbranche. Viele Experten sehen inzwischen aber auch in Lateinamerika enormes Potenzial. Alexandra Metzger hat umfassende Erfahrung darin, wie internationale Projekte mit Lateinamerika über virtuelle, interkulturelle Teams angebahnt und abgewickelt werden. Oft hat sie dabei erfahren, wie stark kulturelle Unterschiede der Projektmitarbeiter in Auftreten, Kommunikationsstil und Konfliktlösungsverhalten die Zusammenarbeit und die Umsetzung gemeinsamer Ziele beeinflussen.
Was nun ist für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lateinamerika von Bedeutung? Vor allem anderen stehe erst einmal der Beziehungsaufbau, erläutert die erfahrene Beraterin. Für die Arbeit im virtuellen Team heißt das, dass ein Kick-off-Meeting unerlässlich ist, bei dem sich alle Beteiligten persönlich in die Augen schauen können und es Gelegenheit zum informellen Austausch gibt.
Die virtuelle Arbeit erfolgreich aufnehmen
Erst dann wandert die Arbeit in den virtuellen Raum ab, der eine räumlich und zeitlich unabhängige Zusammenarbeit ermöglicht und, nicht ganz unerheblich, enorme Kosten sparen hilft. Grundlegende Fragen und Projektproblemstellungen werden dabei über so genannte Groupware-Technik abgewickelt, die meist über das interne Kommunikationssystem/Intranet genutzt werden. Für erfolgreiche Business-Treffen in virtuellen Räumen seien zudem Chat-Räume oder Instant Messaging-Funktionen ein gutes Instrument, so Metzger, denn sie fördern den wichtigen informellen Austausch. „So kann ich beispielsweise sehen, wer gerade online ist und vielleicht kurz ein ‚Hallo’ an meine ‚virtuellen’ Kollegen schicken ähnlich wie ich das tun würde, wenn ich morgens ins ‚reale’ Büro komme und schon Kollegen da sind.“
Für unabdingbar hält Metzger auch ein gemeinsames System zur Dateiablage sowie Kenntnisse in der Handhabung der Technik. Gerade bei Videokonferenzen gäbe es schließlich immer einmal Technikprobleme, die schnell gelöst werden müssten, ohne dass das Prozedere zu sehr behindert wird.
Lasse man aber die menschlichen Aspekte außen vor, laufe es nicht, warnt Metzger. „Essenziell bei der virtuellen Zusammenarbeit ist, dass jedes Mitglied sich als vollwertiges Mitglied versteht und auch die anderen als vollwertige Mitglieder betrachtet.“
Sensibel sein für die feinen Unterschiede, auch in sprachlicher Hinsicht: das sei hierbei von großer Bedeutung. Zwar sei die Teamsprache meist Englisch. „Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, dass es trotz der vermeintlich gemeinsamen Sprache kulturelle Unterschiede im Verständnis der Bedeutung eines Wortes gibt. ‚Freund’, ‚Friend’ oder ‚Amigo’ sind begrifflich dasselbe. Und doch gibt es kulturell bedingt ganz unterschiedliche Konnotationen. Das muss man wissen, sonst missversteht man sich oder tritt schnell ins Fettnäpfchen.“
Respekt und Wertschätzung sind unverzichtbar
Respekt und Wertschätzung von Anfang an: Das schätzen Lateinamerikaner besonders, führt Metzger weiter aus. Am Anfang einer Geschäftsbeziehung sollten daher die positiven Dinge in den Vordergrund gestellt und Lob sowie Komplimente fest in den Sprachschatz aufgenommen werden. „Zeigen Sie den Menschen und nicht nur den harten Geschäftspartner. Geben Sie auch ein paar private Dinge von sich preis, denn Berufliches und Privates wird in Lateinamerika nicht so strikt getrennt wie in Deutschland. Da der Aufbau von Vertrauen Zeit braucht, empfehle ich meinen Kunden außerdem, für die Kennenlernphase ausreichend Zeit einzuplanen und bei Reisen nach Lateinamerika den Terminkalender mit ‚Puffern’ zu versehen.“
Was Metzger besonders wichtig ist: „Begegnen Sie den Geschäftspartnern in Lateinamerika auf Augenhöhe. Ich stelle leider immer wieder fest, dass Deutsche das Know-how und Ausbildungsniveau ihrer Partner unterschätzen. Wer so auf den Partner zugeht, hat sofort verspielt, denn Ehre und Würde sind in Lateinamerika ein hohes Gut.“
Schon während des ersten Meetings mit dem gesamten Team sollte eine interkulturelle Sensibilisierung integriert werden, damit jedes Mitglied kulturelle Stolpersteine kennen lernt und Stereotypen sich nicht verfestigen. „Sonst kommt man zum Schluss, dass man sich aus deutscher Sicht nicht auf die unpünktlichen und chaotischen Latinos verlassen kann und die lateinamerikanischen Teammitglieder finden die deutschen Kollegen kalt, unflexibel und unmenschlich.
Wer sich jedoch auf diese Dinge einlässt, wird feststellen, dass er neben einem langfristigen geschäftlichen Partner einen loyalen und verlässlichen Freund gewonnen hat.“
16. März 2010